Danke, liebe Yoga Conference Germany! Für die befreiendste Erkenntnis seit ich Yoga übe.

Meghan Currie auf der 10. Yoga Conference Germany in Köln

Es ist Juli und in meinem bewegten (Yoga-)Leben hatte ich schon fast vergessen, was Ende Mai geschah: Es war die Woche, in der Bryan Kest zum dritten Mal meiner Einladung nach Salzburg gefolgt ist. Am nächsten Morgen musste er früh raus – für den nächsten Workshop in München. Kein großer Abschied, denn in drei Tagen würden wir uns schon wieder sehen. In Köln zur Yoga Conference Germany – Bryans zehnte, für mich die erste. Eigentlich hatte ich meine Erlebnisse schon verdrängt, doch dann habe ich genüsslich den Beitrag von Madhavi Guemoes auf ihrem Blog Kaerlighed gelesen, der mich wieder eindrucksvoll daran erinnerte, warum die Yogakonferenz in Barcelona von meiner Do-Yoga-Liste flog.

Konferenz und Yoga – passt das überhaupt zusammen?

Ich hab schon viel Yoga geübt, viel von der Yoga-Welt gesehen, wenn man so will, und bin meinen Lieblingslehrern nachgereist, um sie irgendwo in Europa für einen Yoga-Workshop abzufangen. Auf einer Yoga-Konferenz war ich noch nie. Das liegt wahrscheinlich daran, weil ich mit “Konferenz” Dinge wie “Business-Meetings”, “Small Talk” und “Powerpoint-Präsentationen” assoziiere. Nichts davon kann ich leiden. Dennoch hatte ich schon mal die Yogaconference in NYC im Auge und auch die Wanderlust-Festivals. Alles andere erschien mir zu naheliegend, denn ich mag’s ja gern ungewöhnlich und kompliziert. Yoga hat sich nämlich noch nicht bis in alle meine Körperfasern durchgesprochen. Letztendlich gab ich mein Debüt dann doch ganz naheliegend in Köln. Dafür sprachen die gute Erreichbarkeit, ein geballtes Line-Up und einige gute Yoga-Freunde, die ich dort treffen würde. Der stolze Preis der Konferenz ließ mich noch hadern, aber Germanwings und das Angebot einer Freundin, in ihrem Heim übernachten zu dürfen, machte den Gesamtaufwand dann doch erträglich.

Yoga im Konferenzhotel – wer’s mag..

Die Konferenz fand im Pullmann Hotel statt. Es besteht im Wesentlichen aus nett gemeintem Luxus, lärmschluckenden Teppichen und seelenloser Atmosphäre, die von Klimaanlagen durcheinander gewirbelt wird. Ein austauschbarer Platz, wie so viele auf der Welt, an denen man sich nicht wohlfühlt, ohne genau zu wissen warum. Genau das kam mir in den Sinn als ich zu meiner ersten Yogaeinheit des Tages erschien: “Love every Moment” mit Meghan Currie. Es dauerte eine Weile bis ich im vorgesehenen Raum ankam, weil nur zwei Aufzüge zwischen den Etagen verkehrten. Die flinken Treppen waren nirgendwo zu finden oder endeten vor verschlossenen, feuerfesten Türen. Man stelle sich also hunderte Yogis vor, die mit (meist überflüssigen) Accessoires bepackt nach der Yogaklasse ihrer Wahl suchen. Das vielbesagte “Hier und Jetzt” verliert man dabei schon mal aus den Augen.

Wenn Meghan Curries Charme unter der Klimaanlage verdampft

Für meine Matte fand ich schließlich in der letzten Reihe Platz. Meghan war genauso süß wie auf Mallorca. Dort gab sie letztes Jahr einen dreitägigen Workshop in einem coolen Stadtloft in Palma mit nicht mehr als 40 Teilnehmern. Der betuchte Besitzer ließ am letzten Nachmittag den befreundeten Caterer kommen – mit Tapas und jeder Menge Wein. Es war herrlich. In Köln blies mir hingegen die Klimaanlage in den Nacken und Meghan kam irgendwie nicht so recht in Schwung. Sie kicherte beim Singen mit einem mitgebrachten Gitarristen, hievte so manchen in den Handstand und verlor sich in flowigen Flows. Wer sie noch nie zuvor erlebt hatte, hatte keinen Schimmer, was sie da vorne auf ihrem Podest eigentlich tat. Meghan mags locker und natürlich. Am liebsten trägt sie nicht viel mehr als einen Bikini und schwingt sich an Nicaraguas Stränden mit Leichtigkeit in gewagte Arm-Balances. Das Pullmann-Ambiente hingegen strahlte die emotionslose Strenge aus, die man bei Konzernmeetings schätzt. Wohl der Grund, warum der Funke ihrer Performance nicht so richtig überspringen wollte.

Ein Foto mit Bryan Kest, bitte!

Es folgte Old School Power Yoga mit Bryan Kest. Fahrstuhl rauf und runter, bis man endlich im Erdgeschoß landete. In den größten Konferenzraum passten geschätzte 150 Leute auf ausgerollter Matte rein. Als ich kam, war der Raum fast voll. Voller Matten, nicht voller Leute. Wir hatten es also mit Pauschalreise-Yogis zu tun: Matte ausrollen, Platz sichern und dann nochmals entspannt weggehen. Ganz so, wie man das mit dem Handtuch am Hotelpool macht. Hurra, neben der “Bühne” (ja, die Yogamaestros hatten ihre Bühnen!) war noch Platz. Zwar nicht die beste Aussicht, aber Bryan läuft ja sowieso dauernd herum. Außerdem kennt man sich ja schon. Also schlenderte ich nach vorne. Schräg vor mir war ein Duo in dieselbe Richtung unterwegs. Als ich den ersten freien Platz fand, rollte ich meine Matte aus und ließ mich nieder. Der männliche Part des Duos drehte sich erstaunt um und stöhnte mit seitlich geneigtem Haupt und trotziger Hand in der Hüfte: “Ach, Mensch, genau da wollten wir hin!” Eine Episode, die ich nach dem schweißtreibenden Yoga zum Glück schon fast wieder vergessen hatte. Nach der Session wartete ich geduldig, um Bryan Bye-bye zu sagen. Keineswegs tatenlos, denn ich bekam eine Kamera nach der nächsten in die Hand gedrückt: Dutzende Teilnehmer forderten ein Foto mit ihrem Yogastar ein. Es dauerte ziemlich lange. Atmen. Während ich ein iPhone nach dem anderen bediente, überlegte ich, was es damit auf sich hat: Der Schüler und sein Guru auf einem Bild vereint. Nicht, dass ich es nicht auch schon getan hätte und irgendwie stolz war. Ich und Meghan, ich und Bryan, ich und Seane, ich und David. Irgendwann hatte ich damit aufgehört, weil es mir peinlich war, meine Yogahelden mit diesem niederen Wunsch zu belästigen. Ich fing also an, die Fotosüchtigen mitleidig zu belächeln, dass sie von dieser weisen Erkenntnis so viel weiter entfernt sind als ich. Und schon wurde ich mit meiner eigenen Armseligkeit konfrontiert, besser als andere sein zu wollen.  Wie man leider weiß, ist dieses “ich bin anders als ihr” ein Hauptgrund unserer Probleme auf dieser Welt. Als mich daher ein Typ mit zwei Korkblöcken, Yogamatte, Trinkflasche und einer bis zum Rand mit Prospekten gefüllten Jutetasche fast über den Haufen rannte, versuchte ich an das kollektive Bewusstsein zu denken. Wir sind doch alle eins. Er kann nichts dafür. Doch mein Ego schlug verbittert zurück: Verdammt, noch so ein pauschaler Konferenztourist, der Panik hat, dass er keinen Platz mehr bekommt!

Wo Yoga-Gespräche tief in der Luft hängen

Nach einigen Stunden in besagtem Hotel verfiel in einen Zustand von Trance. Allerdings nicht im erhofften Sinne. Ich hatte zu wenig getrunken und die Menschenansammlungen machten mich ebenso fertig wie die hässlichen Teppiche und die unkontrollierbaren Klimaanlagen. Auf der Suche nach Treffpunkten, Freunden, Uhrzeiten und Zeitzonen sah ich nur mehr Lululemon-Logos auf zwei Beinen, stangenweise Yogaklamotten, tischeweise Räucherstäbchen, Malas und sonstigen Schnickschnack, mit dem sich der moderne Yogi gerne schmückt. Ich hörte Wortfetzen, die in der stickigen Luft viel zu langsam an mir vorbeizogen: “Warst du schon bei Meghan…nein, das habe ich morgen am Plan….du musst unbedingt zu Cameron…ich hab ja immer dieses Problem beim Hund, weißt du, wenn ich mit der Hüfte so nach hinten gehe, dann….wann fängt der Kirtan eigentlich an, den will ich auf gar keinen Fall verpassen….nee, das hat ja nichts mit Yoga zu tun, das ist mehr eine Choreographie….ich war da schon mal in Frankfurt, das ist genial, das solltest du dir unbedingt anschauen….treffen wir uns nachher bei….wo issn hier eigentlich das Klo….ich bin ja vor zwei Tagen erst aus Mysore zurückgekommen….welcher Raum war das nochmals….hast du Nadine bei Bryan gesehen….lass uns lieber gleich gehen, sonst ist da bestimmt wieder alles voll…”

Verloren im Yoga-Universum

Irgendwann erschienen mir alle Yogis nur mehr völlig aus ihrer Mitte und übertrieben aufgeregt. Ich hatte zu viel Räucherstäbchen-Duft in meiner Nase und mein Rücken tat weh. Dabei hatte ich sogar Katchie Anandas Backbend-Session ausgelassen. Zu viel Yoga – gibt’s das? Warum bin ich eigentlich ein Yogi? Wie kam es eigentlich dazu und warum bin ich dabei geblieben? Sollte ich aufhören, einer zu sein? Fragen tauchten in meinem Kopf auf, die ich mir noch nie gestellt hatte. Vielleicht sollte ich hier rausgehen, alles hinschmeißen und trotzig ins nächste Pilates-Studio rennen. Vielleicht sollte das vorhin bei Bryan mein letzter Downdog ever gewesen sein. Zum Glück rannte mir eine meiner Freundinnen über den Weg und wir verließen die Yoga-Höhle für einen Cappuccino an der frischen Luft. Heilsam. Beruhigend. Endlich mal keine Yogis sondern ganz normale Menschen, die gedankenlos Eiskaffee schlürfen und nirgendwo ein Om am Körper tragen.

Better Sex with Cameron Shayne

Doch man hat ja den ganzen Tag bezahlt, also sollte man nicht allzu lange Pausen abseits des Yogauniversums einlegen. Meine Freundin überredete mich zu Cameron Shanyes “Better Sex for real Yogis”. Was soll ich sagen: Wir bekamen gerade noch einen Platz. Männer…ähm, waren keine da. Für die geballte Männlichkeit reichte Mr. Shaynes Anwesenheit auch völlig aus. Zum Einstieg riss er sich eine Striptease-Hose mit gekonntem Chippendales-Griff vom Körper. Was übrig blieb, waren schwarze Hotpants und ein gestählter Martial Arts Body mit vielen Tätowierungen. Bevor der von ihm kreierte “Budokon”-Flow folgte, griff er verträumt zur Gitarre und verstrickte uns in ein Gespräch über gefakte Orgasmen. Cameron fand das so gar nicht in Ordnung von uns Frauen, denn wie sollen denn die getäuschten Männer jemals lernen, es besser zu machen? Am Ende hatte beide Geschlechter ihre Argumente. Als er mit geschlossenen Augen vom Sexualakt philosophierte, kam man schon mal ins Grübeln, ob es irgendwie anders wäre – mit einem echten Yogi, der da sinnlich haucht: “Women don’t want to be fucked, they want to be exploooooored.” Dann durften wir uns mit einer ziemlich guten Playlist in den Ohren doch noch bewegen. Bei dem strikt choreografierten Flow kam ich unerwartet zu der Einsicht, dass zu viele Yogaköche eindeutig den Brei verderben. Dass ich keine Lust mehr hatte. Auf gar nichts. Nicht auf better Sex und auch auf keine neuen Yoga-Verrenkungen, die sich irgendjemand ausdenkt und anderen als erstrebenswert verkauft. Keine Lust mehr, mir die tiefschürfenden Gedanken und lebensveränderten Geschichten anderer anzuhören, um dann das “Aha, jetzt hab’ ich’s kapiert”-Gesicht aufzusetzen.

Eine große Konferenz und noch größere Erkenntnisse

Im Grunde bin ich meiner ersten und vorläufig einzigen Yoga-Konferenz-Erfahrung dankbar. Denn sie brachte mich zu dem Punkt, an dem mir bewusst wurde, dass ich kein Wissen mehr aufsaugen muss. Dass mich meine Ambitionen, mein Enthusiasmus, meine Disziplin und meine Ausdauer zu vielem machen, aber ganz sicher nicht zu einem besseren Yogi. Dass ich keine Workshops absolvieren muss, um vielseitiges Yogawissen zu demonstrieren. Dass es keinen Superlativ von Yoga gibt. Dass es einfach nur das ist, was es ist. Dass es sogar weniger sein darf als das. Dass ich Yoga üben kann, ohne jeder Bewegung einen tieferen Sinn geben zu müssen. Dass ich es tun kann ohne darüber sprechen oder mein Inneres stets analysieren zu müssen. Dass ich auf niemanden hören muss, weil mein Yoga einfach MEIN Yoga ist, das sich von innen nach außen entfaltet und nicht umgekehrt. Dass es an der Zeit ist, sich zurückzulehnen und den Dingen beim Wachsen zuzusehen, ohne Druck und ohne Ziel. Dass ich die Worte “Yoga” und “Reisen” leichter auf einen Nenner bringen kann, als “Yoga” und “Konferenz”. Ich bin wohl einfach kein Konferenztyp. Danke, liebe Yoga Conference Germany, für diese großartige Erkenntnis!

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