YOGA & WISDOM: Darf Yoga egoistisch sein? Warum es völlig ok ist, auf der Matte an sich selbst zu denken.

Quote Anodea Judith, Eastern Body, Western Mind – Yoga, Chakras & more

Neulich in Shavasana: Ich liege mit geschlossenen Augen auf dem Rücken und lausche – vielleicht ein bisschen zu aufmerksam – was mir der Lehrer am Ende der Stunde mitgeben will. Ich höre Worte wie Achtsamkeit, Geduld, Mitgefühl und Liebe. Wie schön. Worte, die auf der Zunge zergehen, weil man sie gerne hört und sie im Alltag so wenig Platz haben. Doch gerade dann, wenn man nach einer intensiven Praxis endlich das viel zu seltene Gefühl genießt, mit sich selbst völlig im Reinen zu sein, wird die Stimme des Lehrers mahnend, fast wie eine Predigt von der Kanzel: Nein, diese Achtsamkeit, diese Geduld, diese Liebe gehört nicht nur dir, sondern auch deinen Mitmenschen. Deiner Familie, deinem Partner, deinen Kindern. Mehr noch: deinen Arbeitskollegen, jedem, der dir den ganzen Tag über begegnet, dem Taxifahrer, dem Postboten und der Dame an der Supermarktkasse. Der Lehrer ist noch lange nicht fertig mit seiner Liste: Auch all jene wollen mit Mitgefühl und Liebe umhüllt werden, die es auf den ersten Blick am wenigsten verdienen, aber vielleicht gerade deshalb am nötigsten brauchen.

So, da liegt man nun im wohlverdienten Shavasana und lässt in Gedanken sämtliche Personen an sich vorüberziehen, die man eigentlich nicht leiden kann. Ist man am Ende gar kein liebevoller und gelassener Yogi, sondern nur ein egozentrisches Wesen, das auf der Matte vergeblich sein Glück sucht? Konfrontiert mit der Erkenntnis, dass man so erleuchtet gar nicht ist, weil man der Kassiererin an der Supermarktkasse heute nicht mit genug Achtung und Mitgefühl begegnet ist. Das schlechte Gewissen bohrt sich mit seinen Hinweisen von innen nach außen: “Yoga ist doch nicht nur für dich alleine da. Wofür hälst du dich eigentlich? Denkst du wirklich immer nur an dich und glaubst dabei auch noch ein Yogi zu sein? Selbstliebe? Pahh, dass ich nicht lache, nur Egoisten, Narzissten und Hedonisten lieben sich selbst! “ Äußerlich in meine Endentspannung vertieft, trage ich innere Kämpfe aus, die die Frage zum Mittelpunkt haben: Wie “egoistisch” und “selbstverliebt” darf meine Yogapraxis eigentlich sein? Und wo war meine Freude darüber geblieben, dass ich die Zeit für die Yogastunde freigeschaufelt hatte, nur um einfach mal mit mir alleine zu sein?

VERÄNDERE DICH HEUTE UND DIE WELT MORGEN

“Be the change you want to see in the world”, sagte schon Mahatma Gandhi. Denn ja, wir müssen erst mal vor der eigenen Türe kehren, bevor wir hinaus gehen, um die Welt zu retten. Liebevoll mit sich selbst umgehen, Akzeptanz für die eigenen Schwächen aufbringen, den Alltag achtsam gestalten…wir haben im ersten Schritt schon mal sehr viel mit uns selbst zu tun. Dass wir andere nur lieben können, wenn wir uns selbst lieben, ist eine viel gerühmte und dennoch wenig gelebte Erkenntnis. Insofern wäre nämlich ein bisschen Egoismus auf der Yogamatte durchaus angebracht, wenn nicht sogar essenziell. Denn wie soll man auf die Bedürfnisse anderer Rücksicht nehmen können, ohne seine eigenen überhaupt zu kennen?

Oft findet auf der Yogamatte der erste bewusste Atemzug des Tages statt. Wenn es sich nicht gerade um eine frühmorgendliche Praxis handelt, dann ist das ziemlich spät für die (selten angenehme) Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst. Dennoch ist es etwas, das in der beschützenden Yoga-Atmosphäre besser funktioniert als im Alltag da draußen, wo das Zurücknehmen der eigenen Bedürfnisse zur eigenen Gewohnheit und zur gesellschaftlichen Etikette wird. Weil das Telefon klingelt, das Auto ein Parkticket braucht oder man vor Ladenschluss noch schnell die Einkäufe erledigen muss. Willkommene Ausweichmanöver, denn das Wahrnehmen der Vorgänge in seinem Innersten ist selten ein sonniger Spaziergang. Denn eigentlich will man gar nicht hören, was einem der Körper ständig zuflüstert, bevor er mit unangenehmen Befindlichkeiten, Allergien oder Krankheiten zu schreien beginnt (Buchtipp: Mind over Medicine, Dr. Lissa Rankin). Um sich selbst wieder spüren zu können, ist Ruhe, das Gefühl von Geborgenheit und ganz viel Selbstliebe gefragt. Ein Prozess, der sich nur von innen entwickeln kann und auch nicht von heute auf morgen passiert. Er braucht Zeit und eben auch besagte Geduld.

TU DEINEM KÖRPER GUTES, DAMIT DIE SEELE LUST HAT, DARIN ZU WOHNEN

Wir müssen lernen mit unserem Selbst zu kommunizieren. Auch hier steht der Körper am Anfang unserer Bemühungen: Spüren, dass der Nacken verspannt ist oder dass der Rücken schmerzt. Mutig genug sein, jedes Gefühl im Körper wahrzunehmen und sei es noch so unangenehm. Energien mit der Bewegung wieder ins Fließen zu bringen und uns über die bewusste Atmung oder eine aufrechte Haltung wieder mit unserem Geist zu verbinden (eine Angelegenheit des 5. Chakras – Buchtipp: Eastern Body, Western Mind, Anodea Judith). Es sind komplexe Vorgänge, die volle Aufmerksamkeit, einen gesunden Egoismus und viel Selbstliebe verlangen. Erst wenn wir uns mit den Vorgängen in uns selbst wieder vertraut gemacht haben und wir gelernt haben, einmal durchzuatmen und den Boden unter den Füßen zu spüren, bevor wir agieren und reagieren, sind wir in der Lage auch andere Menschen anzunehmen und Ihnen Geduld, Mitgefühl und Liebe entgegen zu bringen.

Zurück also auf die Yogamatte und allem, was darauf passiert: Ist die Praxis körperlich fordernd, fällt es uns leichter, überflüssige Gedanken loszulassen. Wir konzentrieren uns darauf, im Warrior kraftvoll die Arme auszustrecken oder im Hund das Becken nach oben zu schieben. Einen kurzen Moment denken wir nicht darüber nach, ob wir uns im letzten Meeting besser durchsetzen hätten können, ob wir noch Eier im Kühlschrank haben oder wie es uns gelingt, unseren Partner nach dem kleinen Streit wieder zu besänftigen. Wir sind im Hier und Jetzt, ganz allein mit uns selbst. Schwieriger wird es in den ruhigen Phasen. Dann, wenn wir nur dasitzen und atmen. Wenn wir im Shavasana liegen und sich schlechtes Gewissen breit macht, das uns diesen klitzekleinen Moment der Schwerelosigkeit und Unbeschwertheit nicht genießen lässt. Wenn sich unnütze Gedanken aufdrängen, die zum 1000. Mal gedacht werden und man sich insgeheim darauf ausredet, es wäre doch egoistisch, sich mit seinem Selbst zu befassen.

DER TRICK: VERSÖHNUNG MIT DEM SELBST

Warum das Ego gegen die Selbstliebe in den Krieg schicken, statt beides miteinander zu versöhnen? Denn vielleicht steht die Versöhnung noch vor der Geduld, dem Mitgefühl und der Liebe. Die Versöhnung mit uns selbst, indem wir auf unsere eigenen Schwächen blicken, die Hindernisse in unserem Leben sehen und die Bedürfnisse unserer Seele verstehen. Erst wenn wir unser eigenes Herz (4. Chakra) in Balance gebracht haben, sind wir auch in der Lage ein Anker für andere zu sein. Wenn wir uns allerdings selbst nicht lieben und annehmen können, dann ist in unserem Herzzentrum schlichtweg niemand zu Hause, der die Tür öffnen könnte. Somit darf die Yogapraxis meiner Meinung egoistisch sein, wenn sie uns den Weg zur Selbstliebe ebnet. Das nächste Shavasana kommt bestimmt. Und für den Anfang halte ich es für völlig in Ordnung, wenn wir dabei einfach nur an uns selbst (oder an gar nichts) denken.


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