YOGA & INSPIRATION: YIN Yoga Blogreihe #2 mit Chiaradina Cerweny

Im zweiten Teil meiner YIN-Yogareihe verrät Chiaradina Cerweny, warum der Atem und der Boden unter unseren Füßen unsere wichtigsten Werkzeuge im Kontakt mit uns selbst sind.

Nein, es lässt sich nicht mehr leugnen: Unser Leben ist schneller als uns gut tut. Entschleunigung. Detox. Digitales Fasten. Schlagworte, die allgegenwärtig sind und zeigen, dass längst ein Zeitalter angebrochen ist, in dem Rückzug, Stille und Langsamkeit höher im Kurs stehen als Ehrgeiz, Effizienz und Zielstrebigkeit. Nichts ist heute wertvoller als die “Anbindung an das Wesentliche”, um es mit Chiaradina Cerwenys wunderbar gewählten Worten zu sagen. Die in Wien und Baden bei Wien unterrichtende Yin Yogalehrerin und Schülerin von Paul Grilley durfte ich schon bei ihren wunderbaren Yin-Workshops im Yoga Place Salzburg kennenlernen. Dort ist sie am kommenden Wochenende übrigens erneut, um drei Yoga-Sessions zu unterrichten, die sich die Salzburger Yogis keinesfalls entgehen lassen sollten!

Chiaradina ist außerdem meine zweite Yin-Expertin in dieser Blogreihe, die ich zu ihren ganz persönlichen Ansichten und Einsichten befragt habe. Nachdem mich die Yin-Yang-Thematik selbst seit einiger Zeit sehr beschäftigt – bei meiner eigenen Praxis auf der Matte, in meinem Unterricht, aber vor allem auch als Lebensphilosophie in allen Alltagsdingen – war ich beeindruckt von den inspirierenden Worten und Meinungen meiner Interviewpartner, die mich in meiner eigenen Sicht einstimmig bestätigt und bestärkt haben. Ja, mehr YIN muss in unser viel zu schnelles Leben! Das war der Aufhänger meiner Story, die in Kürze in der neuen Ausgabe der emotion SLOW erscheinen wird. Und weil es so viel zu sagen gibt und Printmedien naturgemäß nicht allen Platz der Welt haben, freue ich mich, dieses kleine Manko auf meinem Blog wieder ausgleichen zu können. Die wunderbaren Denkansätze und Inspirationen von Chiaradina gibt’s nämlich nun hier in voller Länge zum Nachlesen! Kein Zweifel: Danach wird die Lust und Sehnsucht, mehr YIN ins Leben zu bringen, noch größer sein! Viel Spaß auf dieser spannenden Entdeckungsreise!

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Was macht für dich YIN auf der Yogamatte aus? Und wo beobachtest bzw. erlebst du das YIN im Alltag?

Yin im Yoga definiert sich für mich persönlich durch bewusste Wahrnehmung und den Mut in die inneren, mehr verborgenen Welten unserer Gedanken und Emotionen einzutauchen – also die Entdeckungsreise des “offensichtlich Verborgenen”. Im Alltag treffen wir Yin als Reise von Moment zu Moment, während wir in Kontakt mit unseren Energiebewegungen sind – den “positiven” wie den “negativen” – und hier durch unsere Aufmerksamkeit eingefahrene Wahrnehmungs- oder Reaktionsmuster regulieren können oder auch einfach passiv “geschehen lassen können” – uns dem Körper in seiner Weisheit und mit seinen Botschaften überlassen können. Beides ist wichtig und richtig und wird durch unsere Intuition und Fähigkeit zur Aufrichtigkeit uns selbst gegenüber gesteuert und balanciert. Auch diese beiden Qualitäten “trainieren” wir im Yin Yoga.

Yin öffnet die Türe zum Genuss des Lebens – zur Lebensfreude – die wir uns auch in schwierigen Momenten bewahren können, wenn wir in einer herausfordernden Situation bewusst Raum schaffen, um gegenwärtig und entspannt zu bleiben. Dies wird uns zu einer Erkenntnis führen, die unsere Selbstliebe und Dankbarkeit für das Leben stärkt. Und das ist das, was wir in unserer Essenz mitnehmen (oder an unsere Nachfolger weitergeben), wenn unserer Körper nicht mehr ist.

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Sind für dich gesellschaftliche Veränderungen spürbar? Siehst du einen “Trend zu mehr Yin”?

Immer mehr Menschen schreiten bewusst über die Schwelle der Erkenntnis, dass Leistung und der darwinische Gedanke (“nur der Stärkste kann überleben”) – also der reine Fokus auf Performance im Aussen, ohne Berücksichtigung der inneren Welt mit Ihrem Reichtum – sie Ihre Seele opfern lässt. In Konfliktsituationen wie zum Beispiel in einer persönlichen, intimen Beziehung erleben wir sehr schnell, daß reine Stärke und Durchsetzungskraft der eigenen Mitte oder Position uns sehr schnell in eine dominante Position bringt, die eine Pattstellung erzeugt, die Stillstand erzwingt, das Leben und seine Dynamiken abwürgt. Ohne die Möglichkeit der Eigenreflexion, Flexibilität und Verstehen der tieferen Beweggründe der Handlung einer anderen Person kann weder Lebendigkeit noch Lebensfreude gegenwärtig sein. Das bezieht sich in seinem Kern sowohl auf Beziehungen zu anderen Lebewesen oder unserem Lebensraum als auch auf die Beziehung zu uns selbst. Auch wenn es nach einer Zeit der kompletten, globalen Zerstörung von nun mehr als 75 Jahren verständlich ist, dass der Aufbau und die Leistung im Aussen in den Vordergrund gestellt wurde, erfahren immer mehr Menschen am eigenen Leib, dass ohne Rückanbindung an das Wesentliche wir nicht nur erkranken, sondern regelrecht Leben zerstören. So wie in der Natur, wo Yang und Yin in einem harmonischen Wechselspiel stehen und eine automatische, “natürliche” Kurskorrektur passiert, um Extreme wieder in die Mitte zu führen, ist dieser Prozess nun auch in der Psyche der Menschen und in unserem gesellschaftlichen Kontext wahrnehmbar.

Was können Menschen tun, um in einem YANG-betonten Leben wieder Balance herzustellen?

Bewusst die Entscheidung fassen, zu entschleunigen. Das muss bei wirklichen “speed & action addicts” in den Tagesablauf eingeplant werden: Ich nehme mir fest vor, in der nächsten Woche 2 Stunden einzuplanen, an denen ich bewusst nichts tue und geniesse: ein Vollbad mit Meersalz und einem ätherischen Öl, einen Waldspaziergang in dem ich, wenn mein Kopf zu rasen beginnt, ich den Vögel zuhöre und mich öffne für die Emotionen, die sie mit Ihrem Gesang transportieren. Eine Selbstmassage mit warmen Öl, bei der ich darauf achte, wie ich mich berühre. Mich 5 Minuten hinzusetzen und die Augen zu schliessen und wenn ich gedanklich weggehe, kehre ich zu meinem Atem zurück und fühle das Ein- und Ausströmen der Luft. Mich hinzusetzen und genussvoll zu essen, bevor ich mir im Gehen schnell etwas einverleibe, während ich über etwas Anderes nachdenke.

Im Alltag gibt es viele Ansatzpunkte wieder in Kontakt zum Moment und der eigenen Wahrnehmung zu kommen. So wie bei allen Disziplinen muss auch Achtsamkeit geübt werden um ein Teil des Bewusstseins zu werden. An einer bewusst gewählten und gut geführten Yin Stunde teilzunehmen, erlaubt uns diese Kurskorrektur in einer Gruppe und bietet das Potential, unser Leben von Grund auf zu erneuern.

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Hast du praktische Tipps, wie wie sich das YIN im Alltag stärken lässt?

Zwei Werkzeuge stehen uns zur Verfügung so lange wir hier sind, die uns sehr rasch wieder in Beziehung bringen und uns gegenwärtig sein lassen: Unser Atem und der Boden. Den Boden fühlen, bringt uns in den Moment während unser Atem unser wichtigstes Instrument ist, um in unsere inneren Welten einzutauchen und sie in Beziehung mit der Aussenwelt zu bringen – das heisst, unseren einfach Atem spüren, ohne ihn steuern zu wollen. Auszeiten nehmen, “social media & electronic device abstinence”: Handy & Tablet weglegen, dafür in der Stille sitzen oder ruhen. Ich liege sehr gerne wenn immer ich kann für ein paar Momente still, mit einer Hand auf meinem Herzen und der anderen Hand auf meinem Bauch und atme, ohne etwas bestimmtes erreichen zu wollen. Essen, wenn wir essen, gehen wenn wir gehen, zusammenräumen wenn wir zusammenräumen: Fühlen, wie sich etwas anfühlt, die gegenwärtige Handlung zum Wichtigsten zu machen. Sorgfältig bewusst gegenwärtig sein.

Chiaradina Cerweny

unterrichtet in Wien & Baden bei Wien / yinyoga.wien & www.chiaradina.com

E-RYT® 200, RYT® 500 Lehrerin, Schülerin von Paul Grilley


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