EVENT: Das war Power Yoga mit Bryan Kest in Salzburg!

Be gentle to yourself!

Zum dritten Mal lieferte Bryan Kest in Salzburg eine eindrucksvolle Yoga-Performance ab. Meine Erkenntnis: Bryan ist und bleibt eine unverzichtbare Facette in der modernen Yogaszene.

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Es ist schon zum liebgewonnenen Ritual geworden: Ich hole Bryan am Bahnhof ab, kann ihn unter den vielen aussteigenden Zugreisenden nicht finden, bis er plötzlich mit seinem unglaublich kleinen, kompakten Trolley vor mir steht, weil er mich längst gesehen hat. Es steht grinsend und total relaxt vor mir, obwohl er gerade erst eine lange Zugfahrt aus Budapest hinter sich hat. In Graz und Wien war er schon, nach seinem Salzburg-Auftritt gehts nach München, Aachen, Düsseldorf und Köln. Kaum ein Tag ohne Workshop, manchmal sogar zwei. Sein straffes Programm absolviert er in bester Laune. Fast hat man das Gefühl, je enger der Zeitplan und je voller die Location, desto eher ist er in seinem Element. Ein moderner Prediger mit hohem Coolness-Faktor. Einer, der im Wilden Yoga-Westen nach seinen eigenen Gesetzen lebt. Einer, der nicht vorgibt, heilig zu sein. Einer, der sich nicht verstellt, weil er die Wahrheit aushält. Einer, der die Dinge ausspricht, so wie sie sind. Und weil das nicht immer das ist, was man gerne hören will, verpackt er es in eine Portion Charme und Humor. Seinen spitzbübische, manchmal provokante Art hat er über die Jahre hinweg beibehalten, dazugekommen ist etwas mehr Sanftheit und Weisheit, die mit dem damals im Fahrtwind der kalifornischen Fitnesswelle kreierten “Power Yoga”-Begriff manchmal kollidiert. Also definiert er seine Sichtweisen neu und erklärt sie anhand griffiger Beispiele aus dem Alltag. Es geht um Gratefulness, Gentleness, Peacefulness, Awareness. Immer und immer wieder.

Doch man kann es gar nicht oft genug hören, wartet man zwischen seinen Thesen, die an die Sanftheit zu sich selbst, an die Achtsamkeit im Leben und an die Dankbarkeit für Alltägliches appellieren, doch schon auf die nächste Pointe. Ein Talent, das der kalifornische Yogastar mit Yogapersönlichkeiten wie David Swenson teilt und wohl ein Grund mehr, warum das westliche Yoga große Hallen zu füllen vermag. Allzu gern lässt man sich die Geschichte vom optimalen Autokauf erzählen: Kein Mensch würde ein Auto vom Taxifahrer in New York kaufen, sondern das Gefährt von der alten Lady in Pasadena, die ihr Auto seit 25 Jahren hegt und pflegt und nur wenige Kilometer damit gefahren ist. So nämlich sollte man auch mit seinem Körper umgehen. Es mag als Widerspruch erscheinen, wenn gerade der Power Yoga-Begründer, der Yogis wie kein anderer an ihre schwitzenden Grenzen bringt, davon spricht, einen Gang zurückzuschalten. Dennoch kommt bei Bryans drittem Besuch in Salzburg die Botschaft bei den Teilnehmern an: Die Asana-Praxis mag vieles sein, vor allem ist sie eines: nebensächlich.

Yoga soll nicht schön machen, nicht flexibel und ist bestenfalls das Warm-Up für die Meditation danach.

Gleichzeitig lässt er uns alle spüren, wie schwierig es ist, sich von den gewohnten Konzepten in Kopf zu verabschieden. Ich muss schmunzeln, als Bryan nach seinem mehr als einstündigen Talk den dynamischeren Part des Workshops ankündigt und eine Teilnehmerin “Ah, jetzt geht’s los!” sagen höre. Ja, wir sind nun mal fixiert auf das Körperliche, auf die Bewegung. Bryans Fokus auf den Atem kann man gerade noch akzeptieren, sich dann aber tatsächlich von einer langen Plank-Pose in die Knie zwingen zu lassen oder gar in Childspose eine Pause einzulegen, wie vom Meister immer wieder vorgeschlagen, fällt schwer. Besonders den Männern, von denen es doch einige in Bryans Masterclass zieht. Das muss an der Geradlinigkeit seiner Aussagen und der Einfachheit seiner Flows liegen, die ohne Schnörkel auskommen.

Die Anweisungen sind klar, messerscharf und alles andere als blumig. “Yoga is fucking simple” ist einer seiner Lieblingssätze.

Bryan bringt das Yoga-Konzept auf den kleinsten gemeinsamen Nenner und verheddert sich nicht in Alignment-Vorschriften. “Ich hoffe, ihr seid nicht gekommen, damit ich euch sage, wie man die Posen richtig macht. Ich habe nämlich keinen blassen Schimmer”, erklärt er am Beispiel der Dreieckshaltung: Die Ashtangis greifen den Knöchel, die Iyengar-Yogis nehmen einen Block, die Poweryogis würden den Rücken dehnen und die Anusara-Yogis würden mit dem Arm irgendwelche Spiralen in der Luft nachziehen. “Aber bitte fragt mich nicht, warum sie solch komische Sachen tun”, ergänzt er und wieder geht ein kollektives Lachen geht durch den Raum.

Humor ist ein wichtiges Tool beim Yoga. Von dieser These bin ich wohl seit meiner ersten Yogastunde mit Bryan überzeugt. Das war vor vielen Jahren in München. Bryan, ein prall gefüllter Raum mit 130 Teilnehmern und Energien, die im Raum kochten. Ich war hingerissen. Einige Zeit später ergatterte ich einen der raren Plätze bei seinem jährlichen Europa-Retreat, das meiner spirituellen Reise, wenn man es so nennen mag, einen Kick nach vorne gab. Von seinem Spirit, den er an der portugiesischen Küste verbreitete, völlig angetan, überzeugte ich ihn davon, dass er bei seiner nächsten Europa-Tournee unbedingt in Salzburg Halt machen müsste. Und da Bryan nicht lange fackelt und ich mit Selma und dem Yoga Place Salzburg den perfekten Partner an meiner Seite hatte, gab Bryan einige Zeit später sein Debüt in der Mozartstadt. Das war im Mai 2012.

Nach dem dritten Mal ist es so, als wäre es nie anders gewesen. Bryan in München, Berlin, Budapest, Zürich, Wien – und eben auch in Salzburg. Auch wenn die Stadt eher für Mozart und nicht für ihre etablierte Yogaszene bekannt ist. Doch mit dem Besuch internationaler Yogagrößen, die den Weg hierher schaffen, haben wir in dieser Hinsicht große Fortschritte gemacht. Ich bin begeistert von meinen fleißigen Yogis, die immer mittwochs mit mir im Hotel Auersperg den frühen Morgen begrüßen oder sich mit bewundernswerter Ausdauer und Kontinuität meinen Power-, Detox- und Yin-Yogastunden im Yoga Place hingeben. Salzburger und auch Yogis aus Linz oder gar München, die bei allen drei Workshops mit Bryan in Salzburg mit dabei waren. Es ist eine Freude, jeden einzelnen und die gesamte Yogaszene hier wachsen zu sehen. 

Und auch wenn in dieser Stadt allmählich eine Yoga-Community spürbar wird und die Leute mit ihren Matten unterm Arm zu einem gemeinsamen Ziel in dieselbe Richtung strömen, sagt Bryan zu Beginn der Asana-Praxis: “This is not a social event“. Sollte jemand also das Bedürfnis haben, jemanden anzuschauen, dann soll er das jetzt und sofort tun und sich fortan nur mehr um sich selbst kümmern und den Blick auf die eigene Matte gerichtet halten. Wie dankbar bin ich ihm für diese Attitüde, hab’ ich doch noch sehr genau ganz andere Erfahrungen in meinem Kopf abgespeichert (Da kommt man zum Beispiel nach München zu einem Shiva Rea-Workshop. 150 fremde Menschen in einem Raum und schon soll man sich in einer Partnerübung hingebungsvoll auf dem Rücken eines anderen wälzen. Nicht jedermanns Sache, meine auch nicht.)

Wir begeben uns in einen Flow, der aus gefühlten 15 Haltungen besteht. Die energiereichen Lückenfüller: Plankpose. Cobra. Downdog. Es folgt die andere Seite. Bryan jauchzt, wir stöhnen. Spätestens als wir das Spiel links und rechts durchgespielt haben, beschlagen die Loftfenster unserer Yogalocation room with a view. Eigentlich wäre man jetzt reif für ein ausgedehntes Shavasana. Bryans Spruch lockert die angespannten Muskel auf: “I know what you think: Thank god, I’m not an octopus!” Und tatsächlich ist man froh, dass ein menschlicher Körper nur zwei Arme und zwei Beine hat. Die Sache mit dem Oktopus sorgte an diesem Abend wohl für den zweitgrößten Lacher. Ihren Höhepunkt erreichen Bryans Yogawitze gegen Ende der Stunde, beim beliebten Wechsel von “Happy Baby” zu “Happy Husband”. Niemand sonst, würde es wagen, einer Yogahaltung diesen Namen zu geben. Bei Bryan gehören kleine Provokationen zum Konzept. Nicht aufgesetzt, sondern ehrlich und geradeaus. Und wer angesichts der “Happy Husband”-Pose zu laut losprustet, wird von Bryan sogleich gewarnt: “I would be careful of laughing in this pose!”

Ein Raum mit mehr als 60 schwitzenden Yogis könnte kaum mehr positive Energie versprühen. Erschöpft und zufrieden werden die Matten nach mehr als drei Stunden wieder zusammengerollt. Befindlichkeiten werden ausgetauscht, Gruppenfotos mit Bryan in der seligen Mitte, Danksagungen bevor es “stoked” heimwärts geht.

Keine Räucherstäbchen, keine Klangschalen, keine Kerzen, nicht mal ein Om. Yoga in purer Form. Ohne Schnickschnack und Chi-Chi.

Bryan Kest hat uns mit seinen simplen Grundsätzen auf den Boden zurückgebracht. Uns klar gemacht, was wirklich wichtig ist und was nicht. Und dass man manchmal im Kopf ausmisten und sich von gewohnten Denkmustern verabschieden muss, um Platz für Neues zu schaffen.

Am nächsten Tag ruft München. Ein Workshop vormittags, einer nachmittags. Sein Zug geht um 6.40 morgens. Es ist fast 23.00 Uhr als wir die Türen unserer Yogalocation schließen. Ob er noch auf ein Bier mitkommen möchte? Na, klar. Muss ja nicht länger als 20 Minuten sein. Es wurde dann doch ein bisschen länger. Die Bier-Experience war es wert, schreibt Bryan später auf seiner Facebook-Seite. Und die Österreicher hätten das beste Bier der Welt. Er muss mir versprechen, beim nächsten Mal länger zu bleiben, damit auch der Ausflug in die Berge und an die Seen drin ist. Es ist kein langer Abschied. Denn am Wochenende ruft die Yogaconference in Köln, die alljährlich zu Bryans Fixpunkten gehört. Ohnehin ist es der Initiative des Kölner Studios Lord Vishnus Couch zu verdanken, dass Bryan jedes Jahr so fleißig durch Europa tourt. Wenn wir uns in zwei Tagen wiedersehen, hat er bereits weitere Workshops in München, Düsseldorf und Aachen absolviert. Woher nimmt man diese unermüdliche Kraft und Passion? “Do what you love” ist wohl Bryans Antwort darauf. Zweifellos hat der charismatische Kalifornier als direkter Schüler von K. Patthabi Jois die moderne, westliche Yogaszene die vergangenen drei Jahrzehnte massiv geprägt und geformt und tut es weiter.

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  • Liebe Jeanette,
    Was für ein wunderbarer Bericht zu einem wunderbaren Event! Könnte nicht treffender sein!
    Danke an dich und das ganze Team die das ermöglicht haben.
    Und schön zu sehen wie die österreichischen Yogis immer mehr werden und noch schöner part of this community zu sein zu dürfen! Wieder ein Grund mehr für gratefulness ; )
    Auf bald und allerliebste Grüsse,
    Michi

  • Liebe Michi,

    danke dass du dabei warst und danke auch für deinen so lieben Kommentar, der mich gleich für Bryan Kest 2015 motiviert! <3

    Und du hast es ebenso treffend gesagt! Auf dass die Yogacommunity hierzulande weiter wachse und gedeihe!!

    Ganz liebe Grüße,
    Jeanette

  • Hi Jeanette, ich fand es auch unglaublich großartig – die Art wie er die Dinge auf den Punkt gebracht hat , hat mich sehr fasziniert und mich extrem bestärkt. Danke, dass du das organisiert hast. Bis bald, Alles Liebe, Andrea

    • Danke Andrea, das freut mich sehr, dass es dir gefallen hat und du etwas für dich “mitnehmen” konntest!
      Schade, dass ich dir im Gewusel gar nicht Hallo sagen konnte! Bis hoffentlich bald mal bei einer nächsten (Yoga-)Gelegenheit! ;-)