YIN für Fortgeschrittene – Yoga-Adventkalender

Mit meinem Beitrag öffne ich das 8. Türchen des Yogaadventkalenders, den Melanie von Ganzwunderbar.com ins Leben gerufen hat!

Wir gehen bewusst und mit größter Achtsamkeit durch unser Leben. Wir wollen unser YIN in einer YANG-betonten Welt stärken und tun doch manchmal genau das Gegenteil.

Jedes Jahr dieselben Vorsätze: Mehr Ruhe, mehr Langsamkeit, weniger Geschenke, mehr Zeit mit der Familie. Es gelingt uns immer besser. Und manchmal auch wieder gar nicht. Vor lauter gutem Willen, die unzähligen Vorschläge für ein achtsameres, bewussteres Leben zu befolgen, entsteht erneut eine Form von Stress und Überforderung. Wie, du hast deine Morgen-Routine nicht eingehalten? Du hast auf dein Zitronenwasser vergessen und für das Journaling war auch keine Zeit? Und zu allem Überfluss hast du auch noch die Live-Session mit deinem Lieblingsguru verpasst?

Du weißt, worauf ich hinaus will? Dann ist dieser Beitrag für dich gemacht! Es geht um die Frage, wo das YIN – die Ruhe, die Langsamkeit, das Bauchgefühl – geblieben ist, bei aller Anstrengung, alles zu jeder Zeit richtig machen zu wollen.

Hier geht es um dich, wenn du keine banalen Lifestyle-Tipps suchst, sondern dich schon längst auf den unbequemen Weg der Selbsterforschung gemacht hast. Wenn du Yoga übst, vielleicht selbst YogalehrerIn bist und spirituelle Themen wie Zähneputzen zu deinem Alltag gehören. Wenn du bei Avocados nicht zuerst an Poached-Egg-Toasts auf Instagram denkst und wenn du aus bekannten Gründen keine Mohair-Pullis mehr kaufst – ja, dann könnten die folgenden Zeilen interessante Impulse für dein bereits bewusstes und achtsames Leben sein.

Wir hören es nicht gerne, aber ich sage es trotzdem: Auch “wir”, die lieber zur Meditation statt zum Late Night Shopping pilgern, können die Fährte verlieren! Denn selbst in sogenannten „spirituellen Kreisen“ kann sich eine Art Besessenheit entwickeln. Besessenheit für das Gute, das Achtsame und Bewusste. Das ist der Punkt, an dem das Yin im dominanten Yang ganz klein wird, bis es sich ganz verliert. Wir sind nicht mehr “besser” als die “anderen”, wir sind eigentlich viel schlimmer.

Ja, ich hätte auch viele luftig-leichte Lifestyle-Tipps auf Lager, um das Yin zu stärken: die tägliche 6-Minuten-Meditation, Yoga-Nidra (klingt irgendwie griffiger als das autogene Training unserer Mütter), Journaling (weil niemand mehr „Tagebuch schreiben“ sagt), Waldbaden (weil niemand mehr „Spaziergehen“ sagt) oder mit einem Matcha-Latte auf dem Sofa relaxen (weil niemand einfach nur Tee trinkt).

Meine heutigen Tipps greifen tiefer. Sie machen Gedankenexperimente, die den Mainstream hinterfragen und das Übliche auf den Kopf stellen. Hier erwarten dich keine SEO-affinen Punkte-Listen zur Selbstoptimierung, keine guten Ratschläge für mehr Selbstliebe und auch keine ach so spirituellen Rituale für die Vorweihnachtszeit. Diese Geschichte hat einen anderen Verlauf, sie ist stellenweise kompliziert. Schlägst du dich trotzdem mit mir durch? Dann lies’ hier weiter…

Nichts ist mehr

Das „Less ist more“-Zeitalter haben wir schon hinter uns gelassen. Wir wissen längst, dass uns der Pulli, den wir im Sale erstanden haben, langfristig auch nicht glücklicher machen kann. Wir haben all die Bücher für innere und äußere Aufräum-Aktionen gekauft, unser Kleiderschrank-Projekt gestartet und Dinge entsorgt, die uns beschweren. Wir haben Fast-Fashion gegen faire Öko-Mode getauscht und natürlich tragen wir seit geraumer Zeit nur mehr Yogaleggings aus recycelten PET-Flaschen.

Nun ist es an der Zeit, einen Schritt weiter zu gehen: Es geht nicht mehr länger nur darum, bewusst zu konsumieren, sondern zu überlegen, was man ÜBERHAUPT konsumieren will. Macht es wirklich Sinn, in das 97. öko-faire-handmade-with-love Yogashirt zu investieren? Ja, diese Frage drängt sich auch dann auf, wenn dessen Fasern aus dem Meer gefischt und für den Kauf ein Baum gepflanzt wurde!

Wir sind vermutlich ein Stück weitergekommen, wenn uns Konsum nicht mehr beglückt, wenn uns Shopping langweilt und Besitz nicht mehr reizt. Nicht weniger ist mehr, sondern NICHTS ist mehr. Weil wir im Grunde schon alles haben.

Innenschau mit VIP-Charakter

Wer weniger konsumiert (das können Dinge, Medien…und ja, auch die wie am Fließband gesammelten, spirituellen Erfahrungen sein!), ist eindeutig im Vorteil. Ein neuer Seinszustand mit frisch gewonnener Leichtigkeit offenbart sich. Sobald sich die Objekte, die unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, im Außen fehlt, suchen wir automatisch nach anderen Ablenkungen (es lebe das Internet!), um der größten Unbequemlichkeit überhaupt aus dem Weg zu gehen: der Auseinandersetzung mit unserem Innenleben.

Dich wir halten uns für mutig genug, der Wahrheit ins Auge zu schauen. Und sobald wir es geschafft haben, uns im Meditationssitz einzufinden, den Altar aufzubauen und die Soja-Kerze aus dem hippen Fairtrade-Laden anzuzünden, lauert bereits der nächste Faux pas: Wir wollen anderen mitteilen, dass wir es geschafft haben! Vorbild und Inspiration sein, so etwas wie ein spiritueller Influencer. Eine Meditation hat schließlich nur dann stattgefunden, wenn wir ein Bild auf Instagram posten. Die Inszenierung lässt sich mit einem Klick verbreiten, verleiht einem privaten Ereignis auf seltsame Weise Bedeutung und scheint wichtiger geworden zu sein als die Erfahrung selbst.

Was wäre, wenn wir diese Innenschau für uns exklusiv gestalten? Wenn wir einen VIP-Bereich schaffen, zu dem nur ein einziger Stargast Zutritt erhält, nämlich wir selbst? Vielleicht sollten wir wieder nach den besonderen Momenten Ausschau halten, die wir zwar mit der Welt teilen könnten, aber es dennoch ganz bewusst NICHT tun. Weil sie zu kostbar sind und nur uns gehören. 

Die No-Challenge Challenge

Die Selbstoptimierung ist auch in spirituellen Kreisen omnipräsent: Schlaue Zitate, noch schlauere Ratschläge für jede Lebenssituation, gefolgt von 30-Tage-Challenges für einen fitten Körper und klaren Geist. Selflove, Selfcare, Reset, Recharge oder das gute alte Detox (Entgiftung auf allen Ebenen geht schließlich immer) die griffigen Schlagwörter verfolgen uns regelrecht wie unliebsame Geister. Überall liest man von Meditations-Challenges – ernsthaft jetzt? Wie lassen sich die Worte Meditation und Challenge in einem Satz vereinen? Wieso muss selbst die spirituelle Praxis für eine Challenge herhalten?

Auch die Sache mit der Selbstliebe wird gerne zur Challenge. Jeden Tag etwas Schönes für sich selbst tun. Warum auch nicht. Mittlerweile wissen wir ja auch, dass wir das dürfen ohne egoistisch zu sein. Doch unterstellt der öffentlich zelebrierte Versuch, sich endlich mit sich selbst anzufreunden, nicht die Annahme, dass es menschlich ist, uns im Grunde unansehnlich zu finden bzw. nicht irgendwelchen erstrebenswerten Idealen zu entsprechen (die uns egal waren, bevor wir mit ihnen konfrontiert wurden)?

Ich finde, Selbstliebe sollte keine Challenge sein, sondern eine unumstößliche Verpflichtung. Wer hat diese Selbstverständlichkeit überhaupt je in Frage gestellt? Wie die Cellulite, die eigentlich erst dann zum störenden Makel wurde als Frauenkörper jenseits jeder Realität auf Werbeanzeigen aufgetaucht sind.

Was wäre, wenn wir uns aus lauter Dankbarkeit und Freude darüber, dass wir atmen und in einem lebendigen Körper stecken, von ganzem Herzen lieben würden! Einfach so. Wir könnten uns dann mehr damit beschäftigen, andere zu lieben und zwar genau so wie sie sind. Es würde dadurch mehr Liebe zurückkommen und die würde dann die Selbstliebe auf mühelose Weise nähren. Wäre das nicht genial? 

Die unaufgeregte Mitte

Es ist ja im Grunde ganz einfach in seiner Mitte anzukommen und glückselig dort zu verweilen: Man könnte morgen damit aufhören, den Gossip zu lesen oder mindestens 8 Stunden am Stück zu schlafen. Man könnte das Smartphone mutig zur Seite legen. Man könnte einfach mehr lächeln und jeden Tag durchs Wohnzimmer tanzen. Warum sagt uns niemand, wie einfach es ist, pures Glück zu verspüren?

Meine Antwort: Weil sich damit nichts verdienen lässt! Wer hat Interesse, uns zu mehr Schlaf zu überreden, außer vielleicht ein Matratzenproduzent? Wer sollte uns sagen, dass ein Spaziergang im Wald Benefits für Körper und Seele hat, außer jemand, der seine Bücher zu genau diesem Thema verkaufen will? Wer sollte uns sagen, dass das beschwingte Tanzen im Wohnzimmer fröhlich macht, außer ein Online-Coach, der sich als allwissender Guru aufspielt, um uns seine kostspieligen Transformations-Kurse schmackhaft zu machen?

Für die einfachen Dinge, das unauffällige YIN also, das sich ja schon per se in Zurückhaltung übt, werden wir nur wenig Anleitung und Inspiration in der Außenwelt finden. Doch die gute Nachricht ist: Wir müssen nicht irgendwo danach suchen, denn wir tragen alles, was wir brauchen, bereits in uns.

Und ich weiß, dass du das ohnehin schon weißt, wenn du diesen Beitrag bis zum Ende gelesen hast. Aber manche Gedanken freuen sich einfach darüber, aufgeschrieben zu werden.

Warum du meinen Worten vertrauen kannst? Weil ich dir mit diesem Beitrag (aufgeschrieben kurz vor Mitternacht…just in time ;) nichts verkaufen will. Weil ich mich selbst an einem Punkt dieses Weges befinde. Manchmal resignierend, manchmal vor Lebensfreude sprühend und sehr oft hinterfragend. Wenn du am 8. Dezember dein Türchen öffnest und dich mein Post vielleicht inspirieren und zum Nachdenken anregen kann, dann macht mich das auf jeden Fall froh und zufrieden! (und am liebsten würde ich jetzt mit dir durchs Wohnzimmer tanzen..und zwar zu diesem SONG!)

Ich wünsche dir eine wundervolle Adventszeit,

Jeanette

PS: Liebe Grüße an Michi von Michi’s Yoga, die das 9. Adventkalendertürchen öffnet! 

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